Mitte Juni sind die meisten Nester leer und die Jungtiere ausgeflogen. Nur in vier der Nester in den Baumkronen im Uferbereich stehen noch ein paar Alttiere und fast erwachsene Küken. Vor allem abends finden sich die Tiere noch in der Sicherheit ihrer alten Behausungen ein, während sie tagsüber die Umgebung erkunden und selbständig auf Nahrungssuche gehen.

Durch die Lage der Brutkolonie in einem Park sind die Jungtiere von klein auf die unmittelbare Nähe des Menschen gewöhnt und zeigen kaum scheu. Während ich am südlichen Teichufer ein paar Übersichtsaufnahmen mache, sehe ich einen jungen Graureiher nur wenige Meter entfernt über den Kiesweg schreiten. Gemächlich erkundet das Tier die Umgebung, läuft über den Rasen Richtung Kinderspielplatz, betrachtet eine Weile lautstark spielende Kinder mit ihren Eltern, geht weiter entlang des Uferwegs und stellt sich – endlich wie ein „richtiger“ Reiher – in die Büsche direkt am Ufer mit Blick aufs Wasser.

Hier hat eine Teichhuhnfamilie ihr Revier. Das Nest auf einer Metallkonstruktion unweit des Ufers ist noch immer der Mittelpunkt des Familienlebens, auch wenn die zwei Wochen alten Küken nur noch nachts in dessen Schutz zurückkehren. Die schwarzen Federknäuel mit ihren roten Schnäbeln laufen emsig über die Teichrosenblätter und picken Algen. Ihre Eltern füttern noch immer die jüngsten, sind von deren ewiger Bettelei aber manchmal so genervt, dass sie die Geduld verlieren und ein allzu aufdringliches Küken schon mal mit kräftigen Schnabelhieben vertreiben.

Als ein weiterer Jungreiher auf der Metallkonstruktion landet, ist es mit dem Familienidyll der Teichhühner vorbei. Denn nun treibt es den gegenüber am Ufer stehenden Reiher in die Nähe seines Artgenossen und er entschließt sich kurzerhand, die wenigen Meter durch das flache Wasser zu ihm zu waten.

Von dieser Idee halten die Teichhühner offenbar garnichts. Was will dieser halbstarke, tolpatschige Vogel mit dem langen, spitzen Schnabel mitten in ihrem Revier und zwischen ihren Kindern? Immerhin sind die kleinen Teichhühner potenzielle Beutetiere. Mit spitzen Warnrufen stürzen sich die Teichhühner auf den schwerfällig dahinschwimmenden Graureiher. Der wehrt sich, laut krächzend, mit Flügelschlägen und Schnabelhieben, die jedoch allesamt ins Leere gehen.

Erst als der Jungreiher die Metallkonstruktion erreicht und sich aus dem Wasser stemmt, lassen die Teichhühner von ihm ab, ihre aufgeregten Rufe verstummen aber erst langsam.

Der andere Jungreiher scheint von diesem Kampf kaum Notiz genommen zu haben und blickt nur ab und zu auf das seltsame Treiben. Da sind die menschlichen Parkbesucher schon aufmerksamer. Die Entdeckungstour des Jungreihers wird nicht nur von mir mit Interesse verfolgt, aber alle halten respektvollen Abstand und lassen das Tier friedlich seiner Wege ziehen.

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Kommentar

  1. lieber dirk,
    ich gratuliere dir herzlich zu deinem neuen stadt-natur-wildnis projekt. ich schätze sehr deine fachliche kompetenz und deine beschreibende und nicht wertende art, wie du die begegnung der menschen mit den tieren darstellst.
    ich wünsche dir und deinem projekt, das möglichst viele göttinger den „klick“ auf deine seite finden.
    weiterhin viel erfolg wünscht
    reiner