Wilde Tiere im Naherholungsgebiet

Der Göttinger Kiessee liegt am südlichen Stadtrand und ist ein beliebtes Naherholungsgebiet. Spaziergänger, Jogger und Radfahrer tummeln sich auf dem Uferweg. Die nur 15 Hektar große Wasserfläche wird von Paddlern und Tretbootfahrern genutzt, es gibt sogar einen Segelclub. An sonnigen Wochenenden sind die Uferwiesen dicht mit Picknickdecken belegt und die Luft ist von Grilldunst geschwängert.

Trotz dieser intensiven Nutzung ist der Kiessee seit Jahren ein wichtiger Rast- und Brutplatz für zahlreiche Vogelarten. Mehrere dutzend Graugänse brüten hier, ebenso Haubentaucher, Bläßrallen, Teichrohrsänger, Höckerschwäne und natürlich Stockenten. Während der Zugzeiten im Frühjahr und Herbst rasten hier Kormorane, Reiher- und Tafelenten, Gänsesäger, Zwergtaucher und Silberreiher. Vor einigen Jahren hat sich sogar ein Rallenreiher eingefunden.

Einige Kilometer entfernt in einem Park im westlichen Stadgebiet von Göttingen, hat sich eine Brutkolonie von Graureihern fest etabliert. Während die Nester in der großen Weide inmitten eines kleinen Teichs gebaut wurden, wird der nur wenige Flugminuten entfernte Kiessee von den Alttieren als Nahrungsgewässer genutzt.

All diese Tiere haben gelernt, dass die zahlreichen Menschen in unmittelbarer Nähe keine Gefahr für sie darstellen und ihre gewöhnliche Scheu zum großen Teil abgelegt. Hierüber habe ich bereits ausführlich berichtet: Die Wildnis kehrt zurück – Anpassung durch Begegnung. Direkt im Stadtgebiet bieten sich damit ungewöhnlich gute Möglichkeiten für intensive Naturbeobachtung, Foto- und Videoaufnahmen.

Revierkenntnis

Das heißt aber nicht, dass man nun einfach zum See spazieren und die zahlreichen Tiere aus nächster Nähe ablichten kann. Handzahm sind sind sie dann doch noch nicht. Wer sich aber die Mühe macht, regelmäßig das Revier abzugehen, merkt schnell, wann und wo es etwas besonderes zu sehen gibt.

So ist mir im März 2013 ein Graureiher aufgefallen, der sich einen im Wasser liegenden Weidenstamm als Rastplatz auserkoren hatte. Nur 4 Meter vom Ufer entfernt saß er ruhig und gelassen und schaute auf den See hinaus. Spaziergänger konnten in vielleicht 8 Meter Entfernung auf einer Bank am Ufer Platz nehmen und hatten direkten Blickkontakt mit einem dieser sonst so scheuen Vögel, die für gewöhnlich schon auffliegen, wenn sich Menschen nur auf auf 50 Meter nähern.

Wie der noch nicht ganz Orange gefärbte Schnabel verriet, war dieses Exemplar noch nicht sehr alt. Vermutlich stammte es aus der Brut des Vorjahres im eingangs erwähnten Park, war also von klein auf an die Nähe von Menschen gewöhnt und hatte mit uns Zweibeinern wohl noch keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Nachdem ich den Vogel regelmäßig über mehrere Tage am selben Platz angetroffen hatte, konnte die Arbeit an einer kleinen Portraitserie beginnen. Ganz ohne Tarnzelt und mit einem vergleichsweise kurzen 300-Millimeter-Objektiv gelangen dank der kurzen Distanz zum Tier formatfüllende Aufnahmen und sogar Detailaufnahmen. Teilweise wechselte der Graureiher auch seinen Ansitzast oder stellte sich, reihertypisch, direkt am Ufer ins flache Wasser und lauerte auf Beute. Im Schutz eines Baumstamms konnte ich mich dem Tier bei einer solchen Gelegenheit sogar bis auf zwei Meter nähern, ohne das der Reiher sich davon stören ließ.

Graureiher im Abendlicht

Auch um die Weihnachtszeit 2013 war das selbe Tier wieder über viele Tage jeden Abend an seinem gewohnten Platz. Jetzt galt es das richtige Wetter abzuwarten. Im Winter geht die Sonne nämlich so unter, dass ihre letzten Strahlen genau auf den Rastplatz des Graureihers fallen. Diese besonders schöne Lichtstimmung wollte ich einfangen und wartete auf einen klaren Abend.

Irgendwann spielte das Wetter mit und auch der Graureiher flog pünktlich eine Stunde vor Sonnenuntergang ein und setzte sich auf seinen angestammten Platz. Genau wie geplant präsentierte sich der Vogel in seiner ganzen Schönheit im warmen Abendlicht. Gelegenheit, Ortskenntnis, intensive Beobachtung und der richtige Zeitpunkt hatten mir die Fotos eingebracht, die ich mir gewünscht hatte.

Videoaufnahmen eines Graureihers am Göttinger Kiessee. Im Jahr 2013 kam das Tier regelmäßig an den selben Rastplatz, einen abgebrochenen Weidenstamm in direkter Ufernähe.

Weitere Fotos

 

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Kommentar

  1. lieber dirk,
    ich gratuliere dir herzlich zu deinem neuen stadt-natur-wildnis projekt. ich schätze sehr deine fachliche kompetenz und deine beschreibende und nicht wertende art, wie du die begegnung der menschen mit den tieren darstellst.
    ich wünsche dir und deinem projekt, das möglichst viele göttinger den „klick“ auf deine seite finden.
    weiterhin viel erfolg wünscht
    reiner