Es beginnt in der Nacht.

Irgendwann im März, sobald kein Frost mehr herrscht, machen sich die Grasfrösche auf den Weg. Den Winter haben sie gut versteckt in Höhlen, unter Laub oder Totholz verbracht, jetzt ist es Zeit, für Nachwuchs zu sorgen.

Und dazu wandern sie im Schutz der Dunkelheit zurück zu dem Gewässer, in dem sie selbst aus dem Ei geschlüpft sind. Die Logik dahinter ist einfach: Dort wo man selbst erfolgreich groß geworden ist, sollte es beim eigenen Nachwuchs auch klappen.

Alle auf einmal

Es gibt weitere Besonderheiten bei der Fortpflanzungsstrategie der Grasfrösche. Alle Tiere eines Areals versammeln sich zur selben Zeit im Laichgewässer – das können hunderte oder sogar tausende sein –  und es gibt erheblich mehr Männchen als Weibchen.

Der Konkurrenzdruck für die Männchen ist also hoch und je eher sie im Gewässer sind, desto größer die Chancen, ein Weibchen zu finden. Allerdings steigt auch das Risiko, bei einem neuerlichen Kälteeinbruch zu erfrieren.

Die Weibchen hingegen können sich Zeit lassen. Erst wenn der Paarungsruf der Männchen laut und weit genug zu hören ist wissen sie, dass sich genügend Tiere im Gewässer eingefunden haben.

Die Paarung selbst ist dann wenig romantisch. Sobald ein Weibchen entdeckt wird, klammert sich das Männchen mit seinen kräftigen Vorderbeinen auf dessen Rücken fest. Das kann auch schon während der Wanderung geschehen und dem Weibchen bleibt dann nichts übrig, als ihren Partner Huckepack zum Wasser zu schleppen.

Im Wasser werden dann Laich und Spermien gleichzeitig abgegeben und die Eier befruchtet. Das wars.

Gerangel um verspätete Weibchen

Nach der Eiablage verlassen die Weibchen schnell wieder das Gewässer. Die Männchen hingegen harren noch aus, in der Hoffnung sich mit einem weiteren Weibchen paaren zu können. Schon wenige Tage nach dem Beginn der Laichsaison ist das Gewässer voll mit wartenden Männchen. Und weil der Konkurrenzdruck so hoch und die Geschlechter sich, auch für Grasfrösche, so ähnlich sind, wird kurzerhand jeder Frosch „angebaggert“ der in Reichweite ist. Das Resultat ist ein ständiges Gewimmel, Geschiebe und Gedränge. Wehrt sich ein Frosch gegen den Umklammerungsversuch und stößt seinen Ruf aus, erkennt der Freier: „Männchen, Zeitverschwendung“, und bricht den Paarungsversuch ab. Unterbleibt die Gegenwehr, klammert sich das Männchen fest, in der Gewissheit, ein Weibchen gefunden zu haben.

Das führt zu makabren Szenen. Das Fortpflanzungsgeschäft ist so anstrengend, dass manche Tiere vor Erschöpfung sterben. Auch die toten Tiere werden von unverpaarten Männchen ergriffen, und – da sie natürlich stumm und reglos bleiben – unnachgiebig festgehalten.

Es kann Tage dauern, bis ein Männchen merkt, dass seine glücklich eroberte Partnerin gar nicht mehr am Leben ist. Und auch die anderen Froschmännchen sehen nur ein verkoppeltes Paar, dass es zu trennen gilt, um selbst zum Zug zu kommen.

Das geht etwa zwei Wochen so weiter. Dann geben auch die letzten Männchen auf und verlassen das Gewässer.

Zurück bleiben etliche Laichballen aus denen bald die Kaulquappen schlüpfen. Gut drei Monate dauert es dann, bis die Larven sich zu kleinen Fröschen entwickelt haben und dann ebenfalls das Gewässer verlassen.

Der Erlenbruch am Herberhäuser Stieg

2003 bin ich zum ersten Mal auf dieses Laichgewässer aufmerksam geworden und seither jedes Frühjahr dort gewesen. Mehrere Tausend Tiere fanden sich dort auf relativ kleinem Raum zum Laichen ein und der Platz war so begrenzt und der Konkurrenzdruck für die Männchen so hoch, dass sie ihre Umgebung völlig ignorierten und sich auch von Spaziergängern und Naturfotografen nicht stören ließen. Direkt am Weg auf dem Bauch liegend, konnte ich mit der Kamera aus 20 Zentimeter Entfernung Nahaufnahmen von Grasfröschen machen! Selbst am Tag wanderten die Tiere aus dem umgebenden Wald zum Wasser.

So ein Bruchwald bietet den Grasfröschen zum Laichen viele Vorteile. Er liegt inmitten ihres Lebensraums, so daß sie keine großen Strecken wandern müssen. Das Wasser ist flach und erwärmt sich schnell, erst wenn die Bäume Ende April ihr Laub austreiben, wird es schattig. Das ist wichtig, denn Grasfrösche nutzen den frühest möglichen Zeitpunkt zum laichen und je wärmer das Wasser ist, desto schneller entwickeln sich die Kaulquappen. Im Sommer fällt der Bruchwald regelmäßig trocken. Dadurch können sich weder Fische noch Wasserinsekten ansiedeln und die Kaulquappen haben keine Fressfeinde. Weil sie selbst Vegetarier sind, finden sie genügend Nahrung in Form von Algenaufwüchsen, Wasser- oder Sumpfpflanzen.

Das periodische Austrocknen ist gleichzeitig aber auch riskant. Haben es die Kaulquappen bis dahin nicht geschafft, zu kleinen Fröschen zu werden, vertrocknen sie mit. So kann dann unter Umständen eine ganze Generation ausfallen.

Zahl der Grasfrösche stark rückläufig

Das ist mit ziemlicher Sicherheit 2011 passiert, als das Gewässer schon Anfang Juni ausgetrocknet ist und hat sich danach möglicherweise wiederholt. Seither ist die Anzahl der Grasfrösche, die sich im Frühjahr zum Laichen einfinden, drastisch gesunken – und sinkt weiter. Im Zuge des Klimawandels werden Frühjahr und Sommer wärmer und trockener, und die Zeit für die Kaulquappen immer knapper.

2017 begann die Laichsaison relativ früh Mitte März. Insgesamt beobachte ich nur 50 bis hundert Tiere im Gewässer und zählte nur zwei Dutzend Laichballen.

Mitte Mai 2017 war dann der Wasserstand auf wenige Zentimeter gesunken und große Teile des Bruchs von Schwertlilien, Gräsern und Erlenschösslingen überwuchert. Mitte Juni war der Bruch dann komplett trocken gefallen und nahezu zugewachsen. Im Vergleich mit den Vorjahren hat damit auch der Bewuchs stark zugenommen und der einst eher offene Charakter dieses Lebensraumes weicht mehr einem dichten Dschungel auf feuchtem Grund.

Weder im Mai noch im Juni 2017 konnte ich Kaulquappen oder junge Frösche im oder am Gewässer entdecken. Durch den starken Bewuchs ist das Gelände natürlich sehr unübersichtlich, dennoch halte ich es für wahrscheinlich, dass sich auch in diesem Jahr aus dem Grasfroschlaich keine Nachkommen entwickeln konnten und erneut eine Generation ausgefallen ist. Wenn es bei dieser Entwicklung bleibt, steht die noch vor wenigen Jahren riesige Grasfroschpopulation in diesem Teil des Göttinger Waldes vor dem Erlöschen.

Zu scheu für Nahaufnahmen

Die Fotos stammen aus den Jahren 2003 bis 2015. Die Videoaufnahmen des Laichgetümmels aus 2009 und 2011. Das wandernde Weibchen konnte ich Mitte März 2017 aufnehmen.

Seit 2012 die Population stark eingebrochen ist, bevorzugen die Grasfrösche eher die geschützten, uferfernen Bereiche des Gewässers und reagieren selbst auf noch so vorsichtige Annäherung und kleinste Bewegungen scheu und tauchen ab. Nahaufnahmen der Grasfrösche im Gewässer sind seither praktisch nicht mehr möglich.

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