Im Frühling farbiges Blütenmeer, im Sommer dichter Dschungel und im Herbst ein Rausch aus Rot, Gelb und Braun – der Westerberg bietet zu jeder Jahreszeit einen besonderen Anblick.

Der Westerberg schiebt sich als schmaler Höhenrücken bei Klein Lengden aus dem Muschelkalkplateau des Göttinger Waldes. Dieser „Finger“ zeigt fast genau in südliche Richtung, ist gerade mal 1,5 Kilometer lang und weniger als 400 Meter breit, erhebt sich an der höchsten Stelle aber gut 80 Meter über das Umland. Ost- und Westflanke bilden relativ steile Hänge. Auf dem Kamm verläuft ein schmaler Wanderweg, der auch von Mountainbikern gern befahren wird. Hänge und Kamm werden seit etwa 20 Jahren nicht mehr forstlich genutzt und der Wald entwickelt sich dort nahezu ohne menschliche Eingriffe.

Günstige Lage

Die geographischen Rahmenbedingungen machen dieses kleine Waldstück zu etwas besonderem. Wie im gesamten Göttinger Wald bildet sich aus dem zu Grunde liegenden Muschelkalk ein sehr nährstoffreicher Boden. Die westlichen Hanglagen sind durch die Sonnenexposition wärmebegünstigt, gleichzeitig ist die Niederschlagsmenge leicht erhöht, da die Wolken meist von Südwesten heranziehen. Der Wald ist dadurch aber auch Stürmen stärker ausgesetzt und es kommt regelmäßig zu Windwurf. So hat sich ein sehr abwechslungsreicher Mischwald aus Buchen, Hainbuchen, Ahorn, Eschen und Eichen entwickelt, um nur die häufigsten Baumarten zu nennen. Vor allem Hainbuchen dominieren im südlichen Teil, während nach Norden hin die Buche übernimmt.

Licht sorgt für Artenvielfalt

Alter und Wind lassen immer wieder Bäume umstürzen. Die entstehenden Lücken im sonst dunklen Wald befördern die Artenvielfalt. Licht erreicht dort wieder den Waldboden und Pflanzen können wachsen. Das im Wald verbleibende Totholz ist Lebensraum für zahlreiche Insektenarten. Über viele Jahre zersetzt, verbleiben die darin enthaltenen Nährstoffe im Wald und fördern das Wachstum neuer Pflanzen.

Vor allem im südlichen Drittel ist entlang des Kamms ein locker bestandener Wald entstanden, der nur im Sommer eine geschlossene Laubdecke ausbildet. Von November bis Anfang Mai kann die Sonne ungehindert den Boden bescheinen und nur wenig Unterholz und junge Bäume behindern den Blick.

Schon im Februar sprießen hier Märzenbecher und bilden dichte Bestände. Bald folgt die ganze Palette der Frühblüher, Pflanzen, die sich darauf spezialisiert haben, die erste warme Phase zu nutzen, bevor die Bäume ihr Laub austreiben, den Boden in Dunkelheit hüllen und sie von der Energiezufuhr abschneiden. Der Waldboden ist jetzt ein Blütenmeer aus Weiß, Blau, Gelb und Purpur. Ende April folgen im Süden dichte Bestände von Blaurotem Steinsamen und Gelbem Eisenhut. Weiter im Norden, unter hochstämmigen Buchen, sind die Hänge fast bis zum Waldrand Weiß von Bärlauchblüten. Im Mai ist dann die Zeit für Türkenbund und Stattliches Knabenkraut. Letzteres beschränkt sich auf wenige, etwas versteckte Flecken abseits des Kammweges.

Schnell wachsen überall junge Baumtriebe empor und Ende Mai hat sich der offene Wald in einen wahren Dschungel verwandelt. Der Kammweg ist an einigen Stellen fast zugewachsen und der Blick die Hänge hinab komplett verwehrt. Für die meisten Kräuter ist das Ende der Blütezeit gekommen. Sie werfen ihre Früchte ab, verlagern Nährstoffreserven in Wurzelknollen und warten auf das nächste Frühjahr.

Die Dschungelphase dauert bis zum Herbst. Erst jetzt wird der Wald wieder lichter und verwandelt sich gleichzeitig in ein kunterbuntes Farbenspiel. Jede Baumart entwickelt ihr eigenes Farbmuster und sorgt so für optische Vielfalt. Infolge des Klimawandels sind die Winter spürbar kürzer und milder. Der Herbst zieht sich bis in den Dezember und das Frühjahr beginnt meist schon Ende Februar. Märzenbecher und Leberblümchen blühen immer früher. Schneefall macht ihnen dabei wenig aus, zumal selten mehr als wenige Zentimeter fallen und schnell wieder abschmelzen.

In der Mitte des Westhangs im südlichen Teil haben Generationen von Dachsen und Füchsen ein ausgedehntes Bausystem gegraben. Nur wenige Höhlen sind bewohnt und man muss viel Glück und Geduld haben, um tatsächlich Tiere beobachten zu können. Aber Dachs, Waschbär und sogar Wildkatze streifen hier heimlich durchs Unterholz.

Artenarmer Buchenwald entsteht

Durch das Ende der forstlichen Nutzung überwiegen im Wald wieder die natürlichen Prozesse. Bäume sterben an Altersschwäche oder durch Windwurf. Totholz verbleibt im Wald. Neue Bäume entstehen aus den Früchten des bestehenden Waldes.

Das hat für die Artenvielfalt aber nicht nur Vorteile. Seit Ende der letzten Eiszeit dominiert in Mitteleuropa vor allem eine Baumart: die Buche. In einem sich ohne menschliche Eingriffe entwickelnden Wald verdrängt sie fast überall den größten Teil der übrigen Baumarten und die Vielfalt an Pflanzen und Tieren geht langsam aber stetig zurück. Buchenwälder sind ein relativ neues Phänomen. So leben an Buchen nur einige Dutzend Insektenarten, während es an Eichen mehr als Tausend sind.

Damit Wälder artenreich bleiben, braucht es vor allem Licht. Neben Stürmen sorgen natürlicherweise große Pflanzenfresser dafür, dass der Wald lichter wird. Und das sind in Mitteleuropa ursprünglich nicht etwa Rehe und Hirsche. Reh-, Damm- und Rotwild leben eigentlich eher im Offenland und wurden erst durch den Menschen in den Wald gedrängt. Echte Waldbewohner waren Auerochse und Wisent. Sie verbeißen nicht nur junge Bäume, sondern schälen auch große Stämme, um an deren Bast zu kommen, vor allem im Winter. So sorgen sie dafür, dass der Wald offen bleibt und legen die Grundlage für hohen Artenreichtum.

Auerochse und Wisent gibt es auch am Westerberg nicht. So wird sich dort wohl über die nächsten Jahrzehnte die Buche nach und nach durchsetzen und der Artenreichtum wird zurückgehen. Angesichts des fortschreitenden Klimawandels ist das allerdings eine sehr unsichere Prognose. Denn noch kann niemand sagen, welche Wälder im Klima der Zukunft eine Chance haben.

 

Artenliste Pflanzen (Auswahl)

  • Märzenbecher
  • Leberblümchen
  • Buschwindröschen
  • Gelbes Windröschen
  • Hohler Lerchensporn
  • Bingelkraut
  • Echtes Lungenkraut
  • Salomonsiegel
  • Maiglöckchen
  • Waldmeister
  • Gelbe Taubnessel
  • Mandelblättrige Wolfsmilch
  • Bärlauch
  • Seidelbast
  • Blauroter Steinsame
  • Wald-Gelbstern
  • Nesselblättrige Glockenblume
  • Taumel-Kälberkropf
  • Weiße Schwalbenwurz
  • Gelber Eisenhut
  • Stattliches Knabenkraut
  • Türkenbund-Lilie