Ein junger Graureiher streift gemächlich am Ufersaum entlang und schnappt von Zeit zu Zeit nach Wasserinsekten oder einem kleinen Fisch. Da zerreißt ein vielstimmiges Trompeten die Stille: eine Schar Graugänse senkt sich herab und wassert lautstark auf dem kleinen See. Dem Graureiher ist dieser Trubel zuviel und er fliegt ab, setzt sich in den Wipfel einer am Ufer aufragenden Weide um sich das Treiben erst einmal von oben anzuschauen.

In den letzten Jahren habe ich die Rosdorfer Tonkuhle nur noch selten besucht. Nach Ende des Tonabbaus hatte sich hier in den 1980er Jahren ein kleines Paradies für Libellen und Amphibien entwickelt. In der Tonkuhle war ein Netz aus flachen Tümpeln und Gräben entstanden, kaum bewachsen und damit der ideale Lebensraum für zahlreiche Spezialisten wie Plattbauch, Teichmolch und Gelbbauchunke. Dann aber lief die Kuhle langsam aber stetig voll und entwickelte sich zu einem kleinen See. Die Bäume am Ufer wuchsen zu stattlicher Höhe, ein dichter Binsenbestand säumt die Flachwasserbereiche. Die Spezialisten verschwanden wieder und es stellte sich das übliche Arteninventar eines solchen Kleingewässers ein. Lediglich der nun seit etlichen Jahren hier brütende Eisvogel war da eine Besonderheit. (Siehe auch Rosdorfer Tonkuhle)

Dann aber machte mich ein Fotofreund darauf aufmerksam, dass er regelmäßig Graureiher an der Tonkuhle beobachtet hatte. Vielleicht waren das ja einige der gut 20 Jungtiere, die in diesem Jahr in der Brutkolonie im Levinschen Park aufgezogen worden, seit Ende Juni dort aber verschwunden waren. Hatten sie sich auf der Suche nach einem neuen Revier in Rosdorf niedergelassen?

An einem heißen Samstag Ende August wollte ich diese These überprüfen. Tatsächlich konnte ich 3 Jungtiere und ein Alttier an der Rosdorfer Tonkuhle beobachten. Vom Wipfel einer hohen Weide am westlichen Seeufer flogen sie immer wieder hinab zum Wasser, um in den flachen Bereichen nach Insekten und Fischen zu jagen. Dabei zeigten sich die Tiere aber ungewöhnlich scheu: sobald ich am Ufer auftauchte wurden sie unruhig, beruhigten sich dann zwar, ließen mich aber nicht näher als 50 Meter heranpirschen, bevor sie aufflogen und sich in die Bäume zurückzogen.

Diese Scheu steht in krassem Gegensatz zum Verhalten der Reiher im Levinschen Park. Dort sind die Jungtiere von Anfang an die unmittelbare Nähe von Menschen gewöhnt und lassen sich weder von Spaziergängern noch Anglern beunruhigen. Nun können sich Wildtiere natürlich auch wieder von menschlicher Nachbarschaft entwöhnen, aber auch die Rosdorfer Tonkuhle wird regelmäßig von Anglern und Spaziergängern besucht. Mir scheint es daher sehr viel wahrscheinlicher, dass es sich bei den von mir beobachteten Graureihern nicht um Tiere aus der Brutkolonie im Levinschen Park handelt, sondern um solche, die nicht in unmittelbarer Nähe des Menschen aufgewachsen sind.

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