Um es gleich vorweg zu sagen: Leider kann ich nicht von einer persönlichen Begegnung mit einem Wolf in der Region Göttingen berichten. In diesem Text möchte ich dennoch aus der Sicht eines Biologen versuchen einen realistischen Blick auf ein Tier zu werfen, das wie kaum ein anderes polarisiert.

Ich bin kein Wolfsexperte. Meine Überlegungen basieren auf allgemeinen biologischen Erkenntnissen, der Auseinandersetzung mit einschlägiger Fachliteratur, vielen Diskussionen mit Kollegen und Jägern sowie langjährigen Erfahrungen mit anderen Wildtieren.

Aggression dominiert das Verhalten im Wolfsgehege

Routenplanung starten

Ein bis zweimal im Jahr besuche ich den Tierpark Neuhaus im Solling. Ganz entspannt und ohne große Mühe kann ich hier ein paar Tierarten aus er Nähe beobachten, die ich in freier Natur nicht oder nur mit großem Aufwand zu sehen bekomme. Darunter auch den Wolf.

Um die 20 Tiere werden hier in einem relativ kleinen und gut einsehbaren Gehege gehalten und es ist fast egal, wann man die Tiere besucht, es ist immer etwas los. Im Rudel herrscht eine strenge Rangordnung an dessen Spitze der Leitwolf steht. Er frisst als erster, er darf sich mit dem Alpha-Weibchen paaren und er bestimmt über weite Phasen des Tages die Aktivitäten des Rudels. Die übrigen Tiere haben ebenfalls klar definierte Plätze innerhalb dieser Hierarchie.

Diese Rangordnung wird aber ständig in Frage gestellt und so herrscht ein andauerndes Gerangel knurrender, beißender und sich jagender Wölfe, das zwar manchmal spielerisch anmutet, für die Tiere aber bitterer Ernst ist. Denn es gibt dabei auch Verlierer: „Prügelknaben“, Tiere die sich im ständigen Kampf um die besten Plätze nicht durchsetzen können und deren Rücken offene Bißwunden zeigen, die kaum noch verheilen.

Da habe ich ihn also selbst vor Augen: Den reißenden Wolf. Ein wildes Raubtier, das nur das Gesetz des Stärkeren kennt, gnadenlos gegenüber seiner Beute und schwächeren Mitgliedern seines Rudels, dabei verschlagen und listenreich.

Seit Jahrhunderten bestimmen diese Vorstellungen unser Bild vom Wolf – allein, sie sind vollkommen falsch. Denn was sich da im Tierpark abspielt ist ein komplett unnatürliches Verhalten, das durch die Enge eines total überbevölkerten Geheges und die Zusammensetzung des Rudels aus nicht miteinander verwandten Tieren verursacht wird.

Freilebende Wölfe verhalten sich vollkommen anders.

Fotos: Nur unter den unnatürlichen Lebensbedingungen im Gehege dominiert Aggression das Verhalten der Wölfe.

Familientier

Freilebende Wölfe leben im Familienverband. In Europa sind das in der Regel ein Elternpaar, die noch nicht geschlechtsreifen Kinder vergangener Jahre und die Jungen des gegenwärtigen Jahres, zusammen also drei Generationen mit gerade mal 5 bis 12 Tieren. Eine streng hierarchische Rangordnung, die zudem noch beständig neu ausgekämpft wird, gibt es in diesen Rudeln nicht. Vielmehr unterstützen die noch nicht geschlechtsreifen Tiere der mittleren Generation die Eltern bei der Aufzucht der Jungen, z.B. indem sie diese am Bau betreuen, während die Eltern auf der Jagd sind. Werden die Tiere dann geschlechtsreif, verlassen sie meist die Familie um sich andernorts ein eigenes Revier und einen Partner zu suchen und eine eigene Familie zu gründen. Wolfsreviere sind groß. Je nach örtlichen Gegebenheiten können sie 100 bis mehrere tausend Quadratkilometer umfassen.

Frei lebende Wölfe sind also Familientiere mit ausgeprägtem Sozialverhalten und einer differenzierten Kommunikation untereinander. Nicht Aggression sondern Kooperation prägt ihr Zusammenleben.

Das tatsächliche Verhalten wild lebender Wölfe verleitet nun aber zum entgegengesetzen Mythos: Dem scheuen und versteckt lebenden Graupelz, der mit ausgeprägtem Familiensinn fürsorglich seine Jungen aufzieht und jeden Kontakt mit dem Menschen zu vermeiden sucht. Dem Jäger, der hilft das natürliche Gleichgewicht wieder herzustellen, indem er die oft zu hohen Populationen von Rehen und Wildschweinen reguliert. Dem Wolf mit der angeborenen Scheu vor dem Menschen, den es in jedem Fall zu schützen gilt, weil er zum natürlichen Artinventar unserer Landschaft gehört. Und nicht zuletzt dem Opfer jahrhundertelanger, gnadenloser Jagd, den es nun zu rehabilitieren gilt.

Auch dieses Bild ist falsch, denn der Wolf ist ein ganz normales Raubtier.

Intelligent und lernfähig

Raubtiere ernähren sich von anderen Tieren, indem sie sie aufspüren, jagen und töten. Was so trivial klingt erfordert tatsächlich herausragende Fähigkeiten, denn ein Raubtier muss stärker, schneller, ausdauernder oder intelligenter sein, als die Tiere, die es erbeuten will. Oder – und das ist das eigentliche Erfolgsgeheimnis des Wolfs – es lebt und jagt in der Gruppe. Denn Kooperation – wer wüsste das besser als wir selbst – bietet enorme Vorteile in allen Lebensbereichen.

Wer aber mit anderen kooperieren will, muss sein eigenes Verhalten mit der Gruppe abstimmen, er muss kommunizieren, sich selbst reflektieren und sich in andere hineinversetzen. Und er muss lernfähig sein. Kooperation erfordert und fördert Intelligenz und Lernfähigkeit. Ausnamslos alle Tierarten mit den am weitesten entwickelten kognitiven Fähigkeiten leben in Sozialverbänden.

Durch Kooperation, Intelligenz und Lernfähigkeit können Wölfe ein breites Nahrungsspektrum nutzen, das von Mäusen bis zum Bison reicht. Wie alle Raubtiere gehen Wölfe dabei extrem ökonomisch vor: die optimale Beute kommt in möglichst großer Zahl vor, lebt in der Nähe, ist leicht aufzuspüren und einfach und schnell zu töten. Haben Wölfe die Wahl, werden sie sich immer für die Tiere entscheiden, die leichter und mit geringerem Aufwand zu erbeuten sind, wobei größere Beutetiere bevorzugt werden, denn ein größeres Tier zu erbeuten ist immer ökonomischer, als viele kleine.

Nahrungsuntersuchungen bestätigen das. In Gebieten mit sehr hoher Rehpopulation stellen Rehe den Hauptanteil der Beute der dort lebenden Wölfe. Nutztiere, wie z.B. Schafe, werden dort häufiger von Wölfen erbeutet, wo sie auf eingezäunten Weideflächen und ohne Schutz durch Hunde stehen.

Was aber ist nun mit der vermeintlich angeborenen Scheu vor Menschen?

Gelerntes kann wieder verlernt werden

In der dichtbesiedelten Landschaft Mitteleuropas ist die Begegnung zwischen Wölfen und Menschen unvermeidlich. Reviergröße und Wanderverhalten führen Wölfe regelmäßig in unsere Nähe. Selbst wenn Wölfe noch so scheu sind, sie können hierzulande dem Menschen gar nicht ausweichen.

Nun werden aber regelmäßig Wölfe beobachtet, die sich offensichtlich absichtlich und mit wenig Scheu in der Nähe des Menschen aufhalten, im Extremfall bis hinein in menschliche Siedlungen. Ist die angeborene Scheu vor dem Menschen also wieder so ein Mythos?

Auch angeborenes Verhalten entsteht in Wechselwirkung mit der Umwelt. Alle Wölfe die sich gegenwärtig in Deutschland ansiedeln und ausbreiten entstammen Populationen aus Osteuropa. Dort wird der Wolf bis heute gejagt. Die dortigen Wölfe leben seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden, mit der Gewissheit, dass sich hinter jedem Busch ein Mensch verstecken kann, der ihnen nach dem Leben trachtet. Mensch ist für diese Tiere gleichbedeutend mit unmittelbarer, tödlicher Gefahr. Diese beständige Erfahrung manifestiert sich irgendwann auch im Genom und muss dann nicht mehr individuell erlernt werden, sie ist angeboren.

Das muss aber nicht so bleiben. Anders gelagerte Erfahrungen können sich im Laufe der Zeit auch wieder in verändertem, angeborenem Verhalten niederschlagen. Oder individuelle Erfahrungen bringen ein einzelnes Tier dazu, angeborene Verhaltensweisen abzulegen, einfach, weil sie sich als nicht mehr sinnvoll erweisen.

Lernen bedeutet ja nichts anderes, als eigenes Verhalten aufgrund gemachter Erfahrungen zu ändern. Durch Lernen können sich auch Individuen an neue oder veränderte Umweltbedingungen anpassen. Lernfähige Tiere sind unabhängig von natürlicher Selektion, die ihren Anpassungswert erst nach etlichen Generationen entfaltet.

Und Wölfe sind besonders lern- und anpassungsfähig.

Im Zentrum des Lernens steht die Neugier. Neugier ist der natürliche Gegenspieler der Vorsicht. Durch Neugier erschließen sich Tiere neue Nahrungsquellen und neue Lebensräume. Intelligente Tiere sind dabei besonders neugierig. Und genau diese Neugier liegt dem Verhalten zu Grunde, dass Wölfe in die Nähe des Menschen treibt.

Denn diese Nähe ist für Wölfe oft besonders attraktiv. In menschlichen Siedlungen locken zahlreiche potenzielle Nahrungsquellen in Gestalt von wehrlosen Nutztieren. Und auch Nahrungsabfälle verschmähen Wölfe nicht. Und dann – machen wir uns nichts vor – sind die Menschen selbst als mögliche Beute interessant. Ein einzelner, unbewaffneter Mensch passt zu hundert Prozent ins Beuteschema des Wolfes.

Indem sich Wölfe nun dem Menschen nähern, testen sie aus, ob sich hier neue Nahrungsquellen auftun. Ihr Verhalten folgt dabei einem klaren Muster: Vorsichtige Annährung bis zu dem Punkt, an dem eine mögliche Gefahr erkannt wird, dann wieder Rückzug auf sichere Distanz. Das wird solange wiederholt, bis dem Wolf entweder klar wird, dass die potenzielle Beute ungeeignet oder zu gefährlich ist, oder sie sich tatsächlich als Beute eignet.

So lernen Raubtiere.

Manchmal erscheint uns das Verhalten von Wölfen bei der Begegnung mit Menschen spielerisch, etwa wenn Wölfe vor Menschen hin und her springen oder in kurzer Annäherung wie beiläufig an der Kleidung zupfen. Doch Nein, diese Tiere wollen nicht nur spielen, sie wollen fressen.

Der Mensch muß dem Wolf Grenzen setzen

Damit ist eigentlich klar, wie unser Verhältnis zum Wolf gestaltet werden muss: Die in Deutschland lebenden Wölfe dürfen ihre angeborene Scheu vor dem Menschen nicht durch anders gelagerte Erfahrungen ablegen. Diese Scheu muss bestätigt werden. Wölfe sind Raubtiere die dem Menschen gefährlich werden können. Wir müssen ihnen mit dem gebotenen Respekt begegnen und das heisst auch, sie auf Distanz zu halten. Neugierige Wölfe müssen vertrieben werden – immer. Wölfe die diese Lektion nicht lernen, bei denen die natürliche Neugier überwiegt und sie immer wieder in die Nähe des Menschen treibt, müssen kontrolliert geschossen werden. Nutztiere auf Weiden innerhalb von Wolfsrevieren müssen durch geeignete Massnahmen geschützt werden.

Das sogenannte „Wolfsmanagement“, dass von Naturschutzverbänden und -Behörden praktiziert wird, erscheint mir an dieser Stelle als zu nachlässig. Information und Aufklärung der Bevölkerung sind sicher unverzichtbar, ebenso wie Entschädigung von Nutztierhaltern. Der aktiven Vertreibung von Wölfen aus dem Bereich menschlicher Siedlungen wird meiner Ansicht nach aber zu wenig Gewicht beigemessen. Jede Begegnung eines Menschen mit einem Wolf, bei der das Tier nicht von sich aus flieht, ist ein Warnsignal.

Richtig ist für mich hingegen eine Absage an die vielfach erhobene Forderung, den Wolf ins Jagdrecht aufzunehmen. Würde die Jagd erlaubt, der Wolf wäre in Deutschland schnell wieder ausgerottet.

Fazit

Neben dem Bären ist der Wolf das einzige heimische Raubtier, das auch dem Menschen gefährlich werden kann. Gleichzeitig ist der Wolf in seiner Intelligenz und seinem Sozialverhalten dem Menschen ausgesprochen ähnlich. Beides zusammen ist nach meinem Verständnis die eigentliche Ursache für den jahrtausendealten Mythos von der wilden Bestie.

Dieser Mythos ist in der Bevölkerung noch immer stark verbreitet und führt zu übersteigerten Ängsten und einer grotesken Verzerrung der wirklichen Gefährdungslage. Oder wie soll man es bezeichnen, wenn trotz hundertausender Verkehrsunfälle mit mehreren tausend Toten pro Jahr fast jeder in Deutschland ganz selbstverständlich täglich ins Auto steigt, ein paar Wölfe aber, von denen bisher noch kein einziger Mensch angegriffen oder gar getötet wurde, für Panik sorgen?

Wir wissen längst, dass der Mythos von der wilden Bestie falsch ist. Es macht aber auch keinen Sinn, ihn nun umgekehrt durch den Mythos vom harmlosen, menschenscheuen Familientier zu ersetzen. Und schon garnicht kann jahrhundertelange Verfolgung als Argument für absoluten Schutz herangezogen werden.

Wenn wir Mythen und Vorurteile ablegen und einen realistischen Blick auf den Wolf werfen, können wir Risiken und Nutzen sachlich gegeneinander abwägen. Und dann ist klar: Behalten die neuen Wölfe in Deutschland ihre Scheu vor dem Menschen, muss sich niemand vor ihnen fürchten. Wir müssen aber dafür sorgen, dass dem so bleibt. Das ist nicht zuletzt auch im Interesse des Wolfsschutzes selbst, denn wenn erst Menschen durch Wolfsangriffe zu Schaden kommen sollten, werden die Stimmen, die die erneute Ausrottung fordern, überlaut werden.

Für mich persönlich ist der Wolf ein faszinierendes Wildtier und eine Begegnung in freier Wildbahn wäre ein großes Geschenk. Der Wolf hat für mich in Deutschland ebenso ein Lebensrecht, wie jedes andere wildlebende Tier auch. Wir haben nicht das Recht zu entscheiden, wer hier leben darf und wer nicht.

Aber nur wenn der Mensch dem Wolf klare Grenzen setzt, wird in Mitteleuropa ein Miteinander möglich sein.

 

Literatur und Links (Auswahl)