Das Westufer des Seeburger Sees ist fest in Menschenhand. Von Mai bis September ist ein Schwimmbad geöffnet, ein Holzsteg führt dort gut 100 Meter auf den See hinaus. Mehrere Bootsverleihe schließen sich an und ein großes Hotel und Restaurant liegt direkt am Ufer. Von den Terrassen des „Graf Isang“ führt ein weiterer Steg durch den Binsensaum direkt in einen breiten Gürtel aus Seerosenblättern, der hier das Ufer säumt. Besonders am Wochenende kommen bei schönem Wetter einige Tausend Ausflügler an den See, zum baden, zum bootfahren, zum einkehren und spazieren gehen. Der Steg inmitten der Seerosen ist dann manchmal voll mit Menschen.

Menschen auf dem Steg werden nicht als Bedrohung wahrgenommen

Warum nur bauen Haubentaucher ausgerechnet in gerade mal 5 Meter Entfernung zu diesem Steg ihr Nest? Ganz einfach: Weil sie gelernt haben, dass die Menschen auf dem Steg keine Bedrohung darstellen. Aus Sicht der Haubentaucher sind diese Menschen harmlos. Sie machen zwar Lärm und ihr ständiges Kommen und Gehen bringt einige Unruhe in die ansonsten stille Atmosphäre, aber sie bleiben auf dem Steg, kommen niemals näher und werfen auch keine Gegenstände ins Wasser. Die Haubentaucher auf dem Seeburger See leben seit etlichen Jahren in friedlicher Koexistenz mit den Menschen. Und es geht ihnen gut dabei. Der größte Teil des Seeufers steht unter Naturschutz, Schilf, Binsen und Seerosen können sich weitgehend ungestört entwickeln und bieten den Tieren gute Lebensbedingungen. Und Fische und sogar Krebse gibt es im See auch genug.

Kein Wunder also, dass die Population sogar wächst. Und das ist wohl der zweite Grund für den Nestbau in Stegnähe: In größerer Entfernung haben schon andere Haubentaucherpaare ihre schwimmenden Nester auf den Seerosenblättern gebaut. Die weiter entfernten Reviere sind besetzt, nur direkt beim Steg war noch ein Plätzchen frei.

Naturbeobachtung aus nächster Nähe

Für interessierte Naturbeobachter war das nun die Gelegenheit. Aus nächster Nähe konnte man sich das gesamte Brutgeschäft anschauen: abwechselndes Brüten der beiden Alttiere, Schlüpfen der Küken, ständiges Ausbessern des Nestes, Füttern der Jungtiere. Die Tiere zeigten auch in der unmittelbaren Nähe menschlicher Beobachter ihr natürliches Verhalten und ließen sich nicht im Geringsten stören.

Solange noch nicht alle Küken geschlüpft sind, bleiben alle am Nest. Ein Alttier brütet weiter, die schon geschlüpften Küken sitzen dann meist sicher und geborgen in dessen Rückengefieder. Derweil geht das andere Alttier auf Nahrungssuche und bringt alle 10 bis 20 Minuten einen Fisch oder auch Krebs, möglichst in einer Größe, die die Küken auch hinunterschlingen können. Dazwischen werden auch immer wieder kleine Federn aus dem eigenen Federkleid verfüttert. Sie schützen den Magen vor den spitzen Gräten der verschlungenen Fische und werden vom Küken genauso begierig genommen. Etwa stündlich wechseln sich die Alttiere beim Brüten ab. Dabei werden dann auch die Eier gedreht und neu angeordnet, so dass immer sichergestellt ist, dass sie nicht etwa im von unten ins Nest drückenden Wasser liegen.

Sobald alle Küken geschlüpft sind, verlässt die Familie ihr Nest. Die Küken sitzen dann im Rückengefieder der Alttiere und werden dort gefüttert, während diese frei auf dem See umher schwimmen. Das verwaiste Nest verfällt erstaunlich schnell innerhalb weniger Tage.

Video: Brüten und Füttern eines frisch geschlüpften Kükens